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Edvard GRIEG
1843-1907

 

Edvard Grieg (1843-1907, Norweger) erwarb sein musikalisches Rüstzeug vor allem in Deutschland (Leipzig). 1871-1880 Leiter des von ihm gegründeten Musikvereins in Christiania (Oslo). Schrieb vor allem Klavierwerke, Lieder, Chöre mit Orchester, Schauspielmusiken, Orchesterstücke.

Nordische Volksweisen sind der eine wesentliche Bestandteil von Griegs Schaffen; den andern hat er aus Schumanns kleinen Klavierstücken gewonnen, indem er das musikalische Gut seines Volkes mit der knappen, doch erschöpfenden Form des deutschen Romantikers verband. Das kommt besonders zum Ausdruck in den »Lyrischen Stücken« für Klavier, in sich geschlossenen kurzen Stimmungsbildern von erstaunlicher Dichte.

 

Orchesterwerke

1. Suite zu Peer Gynt
2. Suite zu Peer Gynt
Klavierkonzert a-Moll

__________

Kammermusik

 Sonate für Geige und Klavier F-Dur
Sonate für Cello und Klavier
Streichquartett g-Moll

__________

Klavierwerke

Sonate e-Moll
Ballade g-Moll

 

 

Orchesterwerke

Die Kleinform der Klavierstücke behält der norwegische Tondichter auch in seinen Orchesterwerken bei. Dadurch gewinnen sie an Verständlichkeit. Als weitere Merkmale treten hinzu: volksliedartige Melodik, häufige Verwendung von Tanzformen, herbe Harmonik, bedeutsam hervortretende Mittelstimmen und ein satter Orchesterklang.

Von den verschiedenen sehr schönen Orchesterwerken führen wir hier nur die bekanntesten auf.

 

Suite zu »Peer Gynt«.

Zu Ibsens »Peer Gynt« hat Grieg eine seelenverwandte Schauspielmusik geschrieben. Die beiden ihr entnommenen Orchester-Suiten sind in Deutschland sehr bekannt geworden, vor allem die erste. - »Morgenstimmung«. Hochgebirge bei Tagesanbruch. Flöte und Oboe werfen sich wechselweise ein sanft wiegendes Motiv zu, steigern es, zeigen es in neuen Harmonien; immer stärker wird der Ausdruck - die Sonne geht strahlend auf. Dann ein kurzes (dem Hauptmotiv nachgebildetes) Thema der Celli: dunkel wie eine Wolke, doch immer wieder überglänzt durch die lebhafter und heller werdenden Klänge des Orchesters. Neue Harmonie-Rückungen, rieselnde Bewegung in den Begleitstimmen, leise das Hauptmotiv im Hörn: Zauber des Waldes. Triller in den Holzbläsern, Vogelgezwitscher. Stille. - »Ases Tod.« Kaum hat die Mutter ihren landfahrenden Sohn wiedersehen können, da stirbt sie hinüber, während ihr Peer ahnungslos nach alter Weise phantastische Geschichten erzählt. Streichorchester mit Dämpfern, schmerzliche Harmonien und Disharmonien, aufsteigend und wieder zusammensinkend, bald kummervoll und bald laut anklagend. Nach dem heftigsten Ausbruch ein neues Motiv: halbtonweise abgleitend wie schleichendes Weh. Verhauchend im Nichts. -»Anitras Tanz«. Peer Gynt in Arabien, begrüßt und geehrt als »Prophet«, die Häuptlingstochter Anitra tanzt vor ihm. Zunächst trippelnd (Beispiel), dann huschend auf geschwinder werdenden Achteln, und im Mittelsatz sogar lüstern begehrend. Wieder der Hauptsatz, jetzt aber verführerisch, aufreizend: gehaltene Bässe wie lauernd, verliebtes Umschlingen im Kanon von Bratsche und Geige. Nochmals das Trippeln, ein leiser Baßschritt, träumend verdämmernder Schluß. Auch dieses bildhafte Stück ist für Streichorchester geschrieben. »In der Halle des Bergkönigs«. Bei Ibsen heißt es: »Auf Peers Weigerung, sich für immer zum Troll machen zu lassen, jagen und peinigen ihn die Trolle«. Grieg macht diese Szene mit den einfachsten Mitteln lebendig: ein Thema setzt nach

und nach in den Instrumenten ein, erst in den Bässen, dann immer höher kletternd, lauter werdend, zunächst wackelnd, dann tanzend, schließlich drohend und peitschend. Ein einziges Thema, doch eine Fülle schrecklicher Eingebungen und fratzenhafter Gesichter.

 

2. Suite zu »Peer Gynt«. Von dieser Suite ist vor allem der letzte Satz bekannt geworden. - »Der Brautraub. Ingrids Klage«. Peer Gynt hat von einer Dorfhochzeit die Braut geraubt und sie ins Gebirge geschleppt. Das Tonstück gibt die Stimmung der geraubten Ingrid wie der. Einige heftige, verzweifelte Takte malen den Schrecken des Mädchens. Sie lauscht - keine Antwort. Der Vorgang wiederholt sich. Dann stimmt Ingrid ihr schmerzliches Lied an (Andante doloroso): schwermütig und klagend, doch zugleich herb und trotzig wie die Natur, deren Kind sie ist. Die Verzweiflungsrufe kehren wieder, noch heftiger, noch bewegter, doch vergeblich. - »Arabischer Tanz.« Ein Gegenstück zu »Anitras Tanz« aus der ersten Suite. Jetzt aber tanzen vor Peer Gynt alle Arabermädchen des Stammes, nicht mehr die Häuptlingstochter allein. Triangel und Pikkoloflöte verstärken die »arabische Färbung« des Tanzthemas. Im Mittelteil umwirbt wohl eine einzelne Schöne den »Propheten« Peer Gynt. Zum Schluß wird der Hauptsatz wiederholt. Das Ganze eine Art Ballettmusik mit sinnlichen, opernhaften Zügen. - »Peer Gynts Heimkehr«. »Stürmischer Abend an der Küste.« Eine Sturmstimmung wie in Wagners »Fliegendem Holländer«. Aufspringende Quintenmotive, fegende Sechzehntelfiguren, schrille Dissonanzen, stürmende Halbtonläufe. Wild rast das Unwetter über die aufgepeitschte Flut, bis das Schiff des Heimkehrenden zerschellt. Stille über den Wassern. »Solvejgs Lied«. Aus Lebens- und Meeresstürmen hat sich Peer Gynt im Alter zu der treu harrenden Geliebten Solvejg gerettet. Sie singt ihm ihr Lied, das Lied der Liebe und des Todes. Die ernste Weise wird durchsetzt von Erinnerungen an entschwundenes Jugendglück: in sechsundsiebzig Takten Lebensweg und Seelenschmerz, selbstverständliche Liebestreue des schlichten Weibes zu einem unbegreiflichen, schweifenden Mann.

 

 

Klavierkonzert a-Moll (1868).

Das schönste romantische Klavierkonzert nach Schumanns a-Moll-Werk. Entstanden in jener Zeit, in der sich Grieg zwar immer noch seinem Vorbild Schumann verpflichtet fühlte, aber schon im Geist norwegischer Volksweisen Eigenes zu geben suchte. Wie Schumanns Konzert beginnt der erste Satz mit einer Folge abwärtsführender Akkorde. Prächtig und doch volkstümlich der Schnitt des Hauptthemas: festliche norwegische Melodie; die Weiterführung geschieht allerdings durchaus im Geiste von Schumann. Das zweite Thema geht eigene Wege, vor allem in der eigentümlich hellen, strengen Harmonik. In der Durchführung verzichtet Grieg auf kunstvollen Aufbau, gibt vielmehr eine Folge geschlossener Klang und Melodienbilder. Melodiengesättigt, schwärmerisch singend der zweite Satz (Adagio). Grieg wiederholt seine Themen unablässig, träumerisch und stolz, sinnend und lauschend, ganz im Geist echter Volksmusik. - Festlich und froh geht es im dritten Satz her. Das sind jene springlebendigen Tänze und zögernd werbenden Weisen, an denen die »Lyrischen Stücke« so reich sind: Bilder aus der Heimat. Farbige Orchestertönung, griffiger Klaviersatz und kraftvolle Bewegtheit geben dem Satz einen hinreißenden Schwung.

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Kammermusik

 

Die Sonate für Geige und Klavier F-Dur (Opus 8) ist die bekannteste der drei Geigensonaten Griegs. Sie ist das Werk eines Dreiundzwanzigjährigen, also kurz nach der Klaviersonate geschrieben, doch gibt sie sich nicht so sehr dramatisch als lyrisch. Im Kopfsatz mit seinem im Dreiklang aufsteigenden und wieder fallenden, dann kühn um einen Halbton über den Grundton hinausgreifenden Hauptthema fesselt die Art der Durchführung: inhaltlich Landschaftsbilder und Stimmungen, formal ein Beweis für die starke (meist übersehene) motivische Arbeit Griegs. Nach der »Landschaft« des ersten Satzes zeichnet der junge Tondichter im zweiten Satz Menschen des Volkes (seltsam nur, daß die Landschaft und die Menschen nicht recht zusammenstimmen). Es handelt sich um ein Allegretto quasi andantino mit einem bewegteren Mittelsatz: feine Stimmungszeichnung umschließt einen derben Bauern-Tanz. Im Schlußsatz hat sich Grieg anscheinend selbst dargestellt, wie er damals war. Da finden sich Erinnerungen an die Lehrjahre in Deutschland (gleich zu Anfang der Durchführung hebt er mit einer schulgerechten Fuge an, gibt sie aber bald mit lachendem Unmut wieder preis), Gedanken an sein großes Vorbild Robert Schumann stellen sich ein; aber über dem ganzen Satz liegt doch von Beginn an so viel loderndes Feuer, so viel lebensmächtiger Rhythmus, so viel leuchtende Farbe, daß dieses Schlußstück als Bekenntnis Griegs zu sich selbst und zu seiner Heimat aufgefaßt werden darf.

 

 

Die Sonatefür Cello und Klavier (Opus 36)

strebt mehr nach Ausdruck und Charakter als nach Schönheit. Sehr einheitlich der erste Satz mit seinen brausenden Schicksalsstürmen. Dieser düsteren Leidenschaftlichkeit folgt ein Andante, dessen Sang sich nicht zum ruhigen Lied gestalten will, vielmehr die Mächte des ersten Satzes wieder heraufbeschwört. Aus Not und Unruhe des einzelnen flüchtet der Tondichter mit dem Schlußsatz in die bergende Kraft des Volkslebens: ein knappes urwüchsiges Tanzthema überzieht die bald übermütigen, bald gedämpften Bilder dieses Satzes mit einheitlicher Grundfärbung.

 

 

Streichquartett g-Moll (1878).

Gewissermaßen eine tönende Dichtung über die norwegische Landschaft und deren Bewohner; daher der Klangaufwand, die kräftig hingemalten Farben, die maßlos erscheinende Breite des Schlußsatzes. Sehr fest die thematische Verklammerung: das anspruchsvoll-heftige Kopfmotiv der langsamen Einleitung kehrt in allen Sätzen wieder. Im ersten Satz als Seitengedanke, der dem Grollen des ersten Themas ein stilles Singen entgegensetzt; das Gegeneinander von Schroff und Weich wird in diesem Satz herrlich ausgebreitet. Auch in der Romanze (zweiter Satz) steht das Kopfmotiv nicht an erster Stelle, sondern mischt sich erst in den motivisch gezackten, harmonisch herben Mittelteil der sonst so melodisch-innigen Romanze. Im Intermezzo drängt sich das Kernmotiv dann schon deutlicher hervor und wirkt so als Vorbereitung eines kleinen Tanzbildes.

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Klavierwerke

Wahrhaft unerschöpflich ist der in Griegs Klavierwerken niedergelegte Schatz. Aber der größte Teil verzichtet um des inneren Gehalts wegen auf die äußere Wirkung, so daß man nur ganz wenige dieser Kompositionen als konzertmäßig bezeichnen kann. Und selbst diesen begegnet man nicht allzuoft.

 

 

Sonate e-Moll (1865, Opus 7).

In dieser Schöpfung eines Zweiundzwanzigjährigen lebt alles auf, was den jungen Tondichter damals beschäftigte: die norwegisch-nordische Welt mit ihrem Sagendämmer und Wirklichkeitssinn, mit ihrem brausenden Heldensang und heimlichem Märchenzauber. Ein Werk des Überschwangs und der »gelernten Arbeit« zugleich. Stürmisch, ungestüm und klangmächtig der erste Satz. Wie Grieg motivische Arbeit, Klangentfaltung und echte Leidenschaft zu binden weiß, lehrt eine Stelle aus der glänzend gesteigerten Coda; eine Sechzehntelfigur aus dem Thema wird zum Kontrapunkt des

Themenkopfes. Das liedhafte, weiterhin balladenartige Andante ist thematisch unauffällig dem ersten Satz verpflichtet und nimmt auch schon vieles der letzten Sätze voraus. Motivisch an die übrigen Sätze gebunden ist auch das »Alla Menuetto« mit seinem männlich-höfischen Tanz-Hauptteil und den heimatlich-landschaftlichen Klängen des Mittelsatzes. Alles übergipfelt das Finale. Dessen erster Teil entwickelt zunächst ein rhythmisches (punktiertes) Motiv vom Piano zum Fortissimo und wieder zum Pianissimo. Wie ferner Märchenton erklingt dann ganz leise das Seitenthema, das sich im Verlauf als wichtigster musikalischer Gedanke erweist (im Grunde das umrhythmisierte und vergrößerte Andante-Thema); als Anhang gesellt sich ihm der punktierte Rhythmus des Satzbeginns. In langer Entwicklung wird er in dynamisch gegensätzlichen Abschnitten durchgeführt, bis das »Seitenthema« wieder einsetzt und in eine orchestrale, ja opernhaft wirkende Steigerung gewuchtet wird.

 

 

Ballade g-Moll (Opus 24).

Die bedeutendste Klavierschöpfung Griegs, weniger leidenschaftlich als die Sonate, dafür um so reifer. Der Ausdruck dieser großartigen nordischen Tondichtung reicht von zarter Seelenkeuschheit bis zu wilder Schicksalsbejahung; sie kündet von Vergangenheit und Gegenwart, von menschlichen Charakteren und ihren landschaftlichen Entsprechungen. Die satztechnischen Mittel reichen von ruhiger, verinnerlichter Stimmigkeit bis zu dem äußerlich glänzenden Klavierstil Liszts. Der stark chromatische, harmonisch herbe Balladengedanke wird in verschiedenen Variationen spieltechnisch und inhaltlich immer neu gestaltet. Die Variationenkunst Griegs und die hohe Menschlichkeit des Werkes scheinen nicht sehr bekannt zu sein; andernfalls würde man die Ballade häufiger hören.

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