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Noten

 

Richard STRAUSS
1864-1949

Richard Strauss (1864-1949), Sohn eines Musikers, 1885 als Nachfolger Bülows in Meiningen, anschließend in München, in Weimar, wieder in München, dann in Berlin. Hier 1908 Generalmusikdirektor. 1919-1924 zusammen mit Schalk Leiter der Wiener Staatsoper. Dann lebte er als Freischaffender meist in Garmisch. Schrieb u.a. Opern, Werke für Orchester, Kammermusik, Lieder.

Einleitung

Orchesterwerke 1
Aus Italien
Don Juan
Tod und Verklärung
 

Orchesterwerke 2
Till Eulenspiegel
Also sprach Zarathustra
Don Quixote
 

Orchesterwerke 3
Ein Heldenleben
Sinfonia domestica
Eine Alpensinfonie
 

Orchesterwerke 4
Der Bürger als Edelmann
Metamorphosen
Burleske für Klavier und Orchester d-Moll

___________

Chorwerke
Wanderers Sturmlied
Die Tageszeiten

 

 

Einleitung

Richard Strauss (1864-1949), Sohn eines Musikers, 1885 als Nachfolger Bülows in Meiningen, anschließend in München, in Weimar, wieder in München, dann in Berlin. Hier 1908 Generalmusikdirektor. 1919-1924 zusammen mit Schalk Leiter der Wiener Staatsoper. Dann lebte er als Freischaffender meist in Garmisch. Schrieb u.a. Opern, Werke für Orchester, Kammermusik, Lieder.

Mit Richard Strauss ist die letzte große Musikerpersönlichkeit dahingegangen, die man im früheren Sinne als »Künstler« ansah. Sein Werk war umstritten wie das mancher anderer Komponisten; aber in seinem Kern hat es sich durchgesetzt, weil Strauss - eben als echter Künstler- in seinen Schöpfungen nicht nur sich selbst spiegelt, sondern zugleich eine breite Gesellschaftsschicht, einen Zeitabschnitt. Er war ein Aristokrat seiner großbürgerlichen Zeit; sie hat er klingend dargestellt mit Mitteln, die seiner ungewöhnlichen Könnerschaft uneingeschränkte Bewunderung eintrugen und die zugleich den großbürgerlichen Geist und Ungeist seiner Umwelt mit wahrhaft vornehmer Gebärde ins Künstlerische übersetzten.

Dieses »Übersetzen« aus einer als gegeben hingenommenen Wirklichkeit unterscheidet ihn von dem fast gleichaltrigen Debussy, der ja im Grunde die gleichen europäischen Verhältnisse vorfand wie Strauss.

 

Denn bei dem deutschen Meister bleibt trotz aller klanglichen Verfeinerung alles noch greifbar, der Wirklichkeit verhaftet, bildhaft. Daher die prachtvoll geschnittenen, wahrhaft durchbluteten melodischen Gestalten mit ihren scharfen Umrissen, diese Meisterzeichnungen gesunder und kranker Charaktere. Aber diese melodischen Gestalten sind nicht mehr eigentlich Themen im früheren Sinne. Harmonie, Rhythmus und Klangfarbe, einst untrennbar verbunden mit dem Thema, dem sie Spannung und Keimkraft verliehen, stehen bei Strauss neben der Melodie, verlieren ihre inneren Beziehungen und werden zu prunkend-prächtigen Gewändern, die der »Held« (das Thema) wechselt, um in ihnen die Welt zu erobern. Das bedeutet, die Melodie ist etwas Fertiges, nicht mehr Entwicklungsfähiges. Die Welt ist alt geworden .Und da kann es denn geschehen, daß zuweilen das Kleid für den Menschen genommen wird.

Ursprünglich war Strauss reiner Programm-Musiker: dem dichterischen Grundgedanken hatte sich die Musik zu fügen. Als solcher geht er mehr auf Berlioz zurück als auf Liszt; daher auch die rücksichtslose Kühnheit, mit der er sich der Klangmöglichkeiten des Orchesters bedient. Dann folgte eine Zeit, in der in den Tondichtungen ein deutlicher Anschluß an frühere Ausdrucksformen bemerkbar ist. Und ganz spät wird der Klang wieder so vorherrschend, daß die eigenwillige Melodik daneben beinahe verblaßt. - Von Brahms und Wagner, von Mozart und Berlioz, von Technik und Natur, von Melodienkraft und Atonalität - von allem findet sich etwas in Straussens Werk. Und doch war er kein Nachahmer. Jeder Takt trägt die unverkennbare Handschrift des Meisters. Und seine Meisterschaft bestand darin, daß er wie kein anderer auf dem gewaltigen Instrument seiner Zeit zu spielen wußte.

 

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Chorwerke

 

Es hat den Anschein, als habe man über dem Orchesterzauberer und Opernkünstler den Chorkomponisten Strauss vergessen. Dabei zählen seine Männerchöre, die sechzehnstimmigen Gesänge für gemischten Chor und die Deutsche Motette zu den besten Chorschöpfungen der neueren Zeit. Zwei besonders eindrucksvolle Chorwerke mit Orchester seien hier gestreift, ein Jugendwerk und ein Werk der Reife.

»Wanderers Sturmlied« (geschrieben 1883, uraufgeführt 1886). Eine Dichtung des zweiundzwanzigjährigen Goethe, vertont durch den neunzehnjährigen Strauss. Zuweilen an Brahms erinnernd, noch unbändig und doch gebändigt. - Donner und Sturm in der (auf Maestoso e marcato wichtigen Triolen-Motiven) dahinsausenden Orchestereinleitung. In das Toben singt der Chor trotzig: »Wen du nicht verlassest, Genius, nicht der Regen, der Sturm haucht ihm Schauer übers Herz« (auch hier die Triole).
Sechsstimmiger Chor und zwölf Orchesterstimmen verwirklichen klanglich die Dichterworte: » ... wir dem Regengewölk, wird dem Schloßensturm ...« Über den »Schlammpfad der Mittelmäßigkeit erhebt der Genius mit Feuerflügeln den Sturmwanderer, über »Deukalions Flutschlamm« (irdische Niederungen) wird der vom Genius Beschützte dahinwandeln »wie mit Blumenfüßen« - zauberhaft blüht ein neues Motiv auf. Getötet wird »Python« (Sinnbild des Herdenmenschen) durch den »Pythius Apoll«; ein musikalisch-dramatisches Bild von höchster Eindringlichkeit. Ergreifend (dritte Strophe) die Vertonung der Worte » ... wirst die wollenen Flüge unterspreiten. Wenn er auf dem Felsen schläft, wirst mit Hüterfittichen ihn decken in des Haines Mitternacht«.

Im Orchester wogen noch die Stürme der Einleitung, doch ruhig und beseligt singt der Chor vom schützenden Genius. Noch einmal scheint Sturm aufbrausen zu wollen (vierte Strophe). Aber der Genius »wird im Schneegestöber Wärme einhüllen«. Wie im Traum ruft der Sturmwanderer die Musen und Charitinnen (Anmutsgöttinnen) an und wandelt »göttergleich« über den Schlamm (der Sohn von Wasser und Erde). Langsames Hinüberwenden der Gedanken zur reinen Welt des Himmels, des Geistes: feierliches Zwischenspiel von Streichern, Trompeten, Posaunen, Fagott und Pauke. Sehr leise setzt der Chor ein, sechsstimmig, wie choralhafter Lobgesang: »Ihr seid rein wie das Mark der Erde. Ihr umschwebt mich und ich schwebe über Wasser und Erde göttergleich.« Alle Motive kehren wieder zu einem seligen Reigen menschlich-göttlicher Kräfte. »Göttergleich, göttergleich.«

 

 

»Die Tageszeiten« (1928) bedeuten Einkehr und Umkehr in das Reich der Romantik, dem Strauss entwachsen ist. Dieser nach vier Eichendorff-Gedichten geschriebene »Liederzyklus für Männerchor und Orchester« ist Malerei und Ausdruck, Darstellung und Empfindung zugleich: dem Chor sind Ausdruck und Empfindung, dem Orchester sind Malerei und Darstellung zugewiesen.
Nach dem (unbegleitet gesungenen) Vorspruch »Wann der Hahn kräht auf dem Dache, putzt der Mond die Lampe aus« beginnt der erste Teil, »Der Morgen«. Ungestüm braust der junge Morgen im sinfonisch geführten Orchester, lachend sieghaft überwindet er die Nacht. Der Chor stimmt in den Jubelgesang des Orchesters ein: »Fliegt der erste Morgenstrahl durch das stille Nebeltal, rauscht erwachend Land und Hügel: wer da fliegen kann, nimmt Flügel.«

 Und zum Schluß der Leitspruch des Werkes »Nichts ist so trüb ...» Streicher und Holzbläser leiten den nächsten Chor »Mittagsruhe« mit einer langsamen, getragenen Weise ein. Der dichterische Kernsatz »Sinnend ruht des Tags Gewühle in der dunkelblauen Schwüle« wird auch musikalisch zum Mittelpunkt. Im dritten Teil, dem »Abend«, geht der Tondichter über den Wortdichter noch hinaus: »Schweigt der Menschen laute Lust, rauscht die Erde wie in Träumen wunderbar mit allen Bäumen, was dem Herzen kaum bewußt.« Läßt Eichendorff die Stimmungen nur leise aufklingen, so möchte Strauss die Dämmerung zerreißen. Das leise Rollen der Pauke durchdringt, ja durchbohrt der Chor mit harmonisch rücksichtslosen Wendungen und Windungen, und das Orchester malt überdeutlich, wie da »schweifen leise Schauer wetterleuchtend durch die Brust«. Aus leise erzitterndem Paukenwirbel steigen dunkle Hornklänge auf: »Die Nacht« breitet ihre dunklen Fittiche über die Welt. Wie schön, hier zu verträumen die Nacht im stillen Wald, wenn in den dunklen Bäumen das alte Märchen hallt.« Die empfundenen (nicht nur gesehenen) Bilder Eichendorffs werden von Strauss zart und zärtlich nachgezeichnet. Chorklang und Orchestertönung verschmelzen zu einem innerlich erlebten Nachtstück.

 

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